Kontext
Pierre Hadot
1922 - 2010 · Die Innere Burg · The Inner Citadel
“The Inner Citadel” (1992) von Pierre Hadot ist eine Gesamtinterpretation der Selbstbetrachtungen des Marcus Aurelius - aber kein trockenes Akademikerwerk. Hadots eigentliches Anliegen ist zu zeigen, dass diese Texte keine Philosophie zum Lesen sind, sondern exercices spirituels: geistige Übungen, die Marcus täglich an sich selbst vollzogen hat. Kein System, keine Lehrschrift - sondern ein Werkzeug der Selbsttransformation.
Den Kern des Buches bilden die drei stoischen Disziplinen, die Hadot bei Marcus herausarbeitet: Begehren, Handeln und - am wichtigsten - die synkatathesis, die Zustimmung. Hier sitzt auch der Titel: Die “innere Burg” ist das hegemonikon, das leitende Vernunftprinzip, das kein äußeres Ereignis bezwingen kann. Dinge erzeugen Vorstellungen (phantasiai), aber ob ich ihnen zustimme, bleibt meine Freiheit. Das ist die uneinnehmbare Festung.
Hadot selbst war zunächst katholischer Priester, bevor er Philosophiehistoriker wurde und schließlich am Collège de France lehrte - das erklärt einiges. Er war nicht an Philosophie als Fachbetrieb interessiert, sondern an ihr als gelebter Praxis.
Sein Beitrag ist doppelt: philologisch hat er die fragmentarisch wirkenden Selbstbetrachtungen als kohärenten Text lesbar gemacht. Und kulturell hat er den Begriff philosophie comme manière de vivre geprägt - Philosophie als Lebensform. Das hat nicht nur die Stoizismusforschung verändert, sondern eine viel breitere Frage neu gestellt: Wozu ist Philosophie eigentlich da?
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